Der Marktpreis eurer Immobilie ist nicht so leicht zu ermitteln,
nach vielen Jahren Erfahrung bin ich davon überzeugt….
Wenn mich Mandanten fragen, was ihre Immobilie wert sein könnte („Herr Pérez, was wäre denn aktuell der Marktpreis meines Hauses?“), antworte ich manchmal dass dieser angebliche Marktpreis überhaupt nicht existiert. Natürlich weiß ich, dass diese Aussage provoziert. Immobilienportale, Makler, Banken und selbst Behörden sprechen ständig vom Marktwert oder Marktpreis. Aber je länger ich mich mit Immobilienkäufen und -verkäufen beschäftige, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass die meisten Menschen etwas für eine objektive Tatsache halten, was in Wirklichkeit oft nur eine Schätzung ist.
Nach meiner Erfahrung existieren eigentlich fünf verschiedene „Werte“ einer Immobilie. Es gibt den Schätzwert der Bank, den Katasterwert, den Referenzwert der Finanzverwaltung, den theoretischen Marktwert der Portale und Statistiken – und schließlich den einzigen Wert, der wirklich zählt, also den Preis, der am Ende beim Notar unterschrieben wird; alles andere sind letztlich nur Annäherungen.
Besonders kritisch sehe ich eine Praxis, die ich leider immer wieder beobachte. Manche Makler nennen Eigentümern bewusst einen unrealistisch hohen Preis, weil sie wissen, dass viele Menschen denjenigen Makler auswählen, der die höchste Bewertung verspricht. Der Eigentümer fühlt sich bestätigt und denkt: „Dieser Makler versteht den Wert meiner Immobilie“, aber sechs Monate später erkennt er dann häufig die Realität: keine Besichtigungen, eine ernsthaften Angebote, keine Käufer… und dann folgt die erste Preissenkung, danach die zweite, und irgendwann wird die Immobilie für einen Betrag verkauft, der weit unter der ursprünglichen Bewertung liegt. Das Tragische daran ist nicht einmal der niedrigere Preis, sondern der unnötige Stress und die Kosten und der Zeitverlust, denn die ersten Wochen eines Immobilienangebots sind die wichtigste Phase überhaupt. In dieser Zeit beobachten die aktivsten Interessenten den Markt, und wenn eure Immobilie von Anfang an deutlich überteuert angeboten wird, verliert ihr oft genau jene Käufer, die tatsächlich bereit gewesen wären zu kaufen. Später wird das Objekt zu einem „alten Angebot“, und viele Interessenten fragen sich dann automatisch, warum die Immobilie seit Monaten nicht verkauft wurde. Deshalb rate ich meinen Mandanten fast immer zu einem nüchternen und realistischen Ansatz: Vergleicht ähnliche Immobilien, beobachtet, welche Objekte tatsächlich vom Markt verschwinden, sprecht mit seriösen Maklern, die nachweislich Verkäufe abgeschlossen haben, und seid vorsichtig bei allen, die euch genau den Preis nennen, den ihr gerne hören möchtet.
Nach vielen Jahren als Anwalt auf dem spanischen Immobilienmarkt habe ich jedenfalls eines gelernt: Der Marktpreis existiert nicht als feste Größe, er entsteht erst in dem Augenblick, in dem ein Käufer und ein Verkäufer sich einigen und den Vertrag unterschreiben, bis dahin sind alle Zahlen lediglich Meinungen.Manche davon sind gut begründet, andere sind Wunschdenken, und zwischen beiden liegt oft ein erstaunlich großer Unterschied….


